Festspielhaus Hellerau

Wettbewerb 1. Preis
Gesamtkonzeption Festspielgelände, Umbau Kaserne West und Festspielhaus
Valentina Lauš, projektleitende Architektin für Meier-Scupin Architekten

Auf der Basis des gewonnenen Wettbewerbs für die Gesamtkonzeption und die Rekultivierung des Festspielhaus-Geländes Hellerau in Dresden haben wir das Festspielhaus und die Kaserne West umgebaut.
Die Gründung Helleraus geht auf Initiative des Dresdner Industriellen Karl Schmidt und die Errichtung einer Wohnsiedlung für seine Arbeiter zurück. Die Gartenstadt Hellerau wurde von Beginn an nicht nur als Wohnsiedlung, sondern ebenso als eine Reformsiedlung konzipiert. Richard Riemerschmid, Theodor Fischer, Hermann Muthesius, Baillie Scott, Fritz Schumacher und Heinrich Tessenow waren an der Entstehung der Gartenstadt ideell und planerisch beteiligt. Dem Mitbegründer der Gartenstadt und des Deutschen Werkbunds Wolf Dohrn, ist die Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze (später Festspielhaus Hellerau) zu verdanken. Von Anfang an begeisterte ihn die Dalcroze’sche – ursprünglich als Erneuerung des Musikunterrichts konzipierte – rhythmische Gymnastik.
Das Festspielhaus, anfangs als kulturelles Zentrum der Gartenstadt geplant, war gleichzeitig das Herzstück der ‚Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze‘. Heinrich Tessenow setzte im Festspielhaus die Visionen des Schweizer Theatertheoretikers und Bühnenbildners Adolphe Appia und des Rhythmikpädagogen Emile-Jaques Dalcroze in ein Raumgefüge um, das durch seine Klarheit und funktionale Bauweise richtungsweisend für die Moderne wird. Zwischen 1911 und 1914 strömten zu den Schulfesten Gäste aus ganz Europa in die Gartenstadt, unter ihnen Le Corbusier, Kafka, Kokoschka, Nolde, Poelzig, Rachmaninow, Rilke, Werfel und Stefan Zweig.
Das Festspielhaus Hellerau, 1911 von Heinrich Tessenow erbaut, wurde zwischen 1912 und 1914 zum Treffpunkt der europäischen Avantgarde. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges versiegten die Kräfte der neuen Bewegung. 1939 wird das Gelände für die Zwecke der Polizeischule umgebaut, 1945 übernimmt die Rote Armee das Objekt. Die 55-jährige militärische Nutzung hinterlleiß wüste Spuren der verfremdeten Nutzung und des Verfalls. 1992 wird das Festspielgelände von den sowjetischen Truppen geräumt und sukzessive für die kulturelle Nutzung adaptiert.
Der Große Saal, ursprünglich treffend als „steinernes Zelt“ bezeichnet, ist der zentrale Raum des Festspielhauses und in seinem unbespielten Zustand eine leere, lichtdurchflutete und wohlproportionierte Pfeilerhalle. Wegen seiner Modernität und seiner Einzigartigkeit ist er in die Bau- und Theatergeschichte eingegangen. Im Gegensatz zu den meisten Theaterräumen ist der Saal, mit seiner großzügigen Verglasung nach allen Himmelsrichtungen, eine helle Spielstätte und wird auch bei Tage genutzt. Eine andere Besonderheit des Saales besteht darin, dass er keine klassische Aufteilung in Bühne und Zuschauerraum aufweist. Die Funktions- und Raumbestimmung ist der jeweiligen Inszenierung überlassen. Die Zuschauertribüne ist ein mobiles Element, das nach der Veranstaltung abgebaut wird.
Historische Gestaltungselemente wurden behutsam restauriert, während moderne Technik und flexible Raumnutzungen die zeitgemäße Funktion des Hauses sichern. Das Festspielhaus dient heute wieder als kulturelles Zentrum, das Proben, Aufführungen, Residenzen und künstlerische Arbeiten gleichermaßen ermöglicht. Mit diesem Projekt ist uns gelungen, die architektonische Substanz zu erhalten und zugleich den Geist der Hellerauer Avantgarde für die Gegenwart neu zu interpretieren.

Fotos: Meier-Scupin Architekten